Wandel wagen

Sei nicht so fleißig!

Gestern erhielt ich einen unerwarteten Tipp am Telefon: Sei nicht so fleißig! Und das an einem Montagnachmittag, wie ungewöhnlich!

Mach′s gut, bis bald oder viel Erfolg – all das bin ich gewohnt. Aber »Sei nicht so fleißig« als Abschluss-Empfehlung ließ mich aufhorchen.

Dieser Satz traf einen Nerv in mir – und ließ mich meine Prioritäten hinterfragen. Zumal ich sicher sein konnte, dass mir hier kein fauler Kerl einen Rat zur schnöden Arbeitsverweigerung gab.

Seinen Doktortitel hat sich mein Gesprächspartner ganz sicher nicht durch Zusammenkopieren fremder Quellen erworben. Nein, Einsatz und Leistung wollte er gar nicht in Frage stellen, doch was dann? Eine persönliche Odyssee zu inneren Motiven.

Was ist überhaupt Fleiß?

Fleiß ist für mich recht unattraktiv und ein eher veralteter Wert. Er weckt Assoziationen in Richtung „Ich muss das tun“ oder auch „Ich muss das genau so tun“.

Also: fremdbestimmt, an Erwartungen anderen ausgerichtet und unverrückbar in Anspruch und Vorgehensweise. Blöd insbesondere dann, wenn ich die Erwartungen nur vermute, indirekt heraushöre und womöglich nie hinterfragt habe.

Was sagt eigentlich der Duden dazu? Zu Fleiß finde ich Stichwörter wie Kampfeseifer, arbeitsame Zielstrebigkeit, Strebsamkeit, Folgsamkeit und Diensteifer.

Kein Wunder, dass mich das eher verschreckt. Sinnbild einer veralteten Arbeitsmoral, wie sie meine Großväter-Generation vielleicht noch einfordern würde.

Woran erkenne ich Fleiß in meinem tagtäglichen Tun?

Brav die Zeit absitzen

Ein deutscher Arbeitstag umfasst sieben, acht oder mehr Stunden. Diese Zeit gilt es abzuleisten, komme was wolle! Manche Jobs funktionieren leider nicht anders und Arbeit kommt in den meisten Fällen von alleine nach.

Kantinen etwa wollen jeden Tag neu geputzt, mit frischem Essen bestückt und von den Resten wieder gereinigt werden. Tag für Tag. Jeden Tag das gleiche Ritual!

Doch macht eine Ausrichtung der Arbeitsleistung im Modell „Zeit gegen Geld“ wirklich immer Sinn? Ich erinnere mich an einen Tages-Workshop als Business-Coaching, bei dem es mir glückte, das bislang versteckt gebliebene Problem meiner Teilnehmerin bereits um 11 Uhr gelöst zu haben.

Mit Blick auf unsere zuvor aufgestellte Agenda sagte sie: »Eigentlich sind wir ja jetzt fertig. Alle anderen Punkte, die ich aufgeschrieben habe, sind nun nebensächlich geworden. Aber wir können die Themen ja noch in der Restzeit abhandeln.«

Das haben wir brav gemacht – für ihren und meinen Auftraggeber, wie mir schien. Oder weil es uns unverschämt angemutet hätte, schon so schnell fertig zu sein. Vielleicht wären wir lieber shoppen gegangen…

Ähnliches erleben Führungskräfte, die ergebnisorientiert arbeiten wollen, doch weiterhin schräg beäugt werden, wenn sie um 15 Uhr vor ihrem Team den Arbeitsplatz verlassen.

Ungeliebte Aufgaben abarbeiten

Im Fleiß zeigt sich die Tendenz, Ungeliebtes stets auf die bewährte Art abzuarbeiten. Ganz nach dem Motto: Augen zu und durch! Da werden Adresslisten abtelefoniert und Menschen mit standardisierten Fragen bombardiert.

Andernorts wird fleißig die Ablage sortiert und Meter um Meter von Papieren weggeheftet. Was ist es bei Ihnen, das regelmäßig zur Fleißarbeit ausartet?

Kluge Erfinder nutzen solche Anlässe, um uns mit Staubsauger-Robotern vom der Haushaltsmanagerin zum Fuhrparkmeister zu befördern oder mit Spracherkennungsprogrammen vom sturen Abtippen eines diktierten Briefes zu verschonen.

Bloß gut, dass einige dieser Erfindungen wirklich ihr Geld und die versprochene Zeitersparnis wert sind.

Fremden Vorgaben folgen

Bekannt ist, das fremdbestimmtes Arbeiten einengt und unzufriedener macht als seinen eigenen Gestaltungsfreiraum zu haben. Auch im Beschwerdemanagement ist bekannt, dass Mitarbeiter mit den nötigen Rechten und Budgetvollmachten viel effektiver und zufrieden stellender Kunden zu beruhigen und sogar enger zu binden vermögen.

Denn wer von uns will schon in einer Kunden-Hotline nur vertröstet werden? Wohl kaum einer, wenn wir doch Lösungen suchen! Zurück zu den fremden Vorgaben. Als Angestellter und selbst als Freiberufler oder Unternehmer unterliegen wir wirtschaftlichen Zwängen und Notwendigkeiten, denen sich keiner entziehen kann.

In jedem Job gibt es streckenweise Aufgaben, die nicht gerade zu großen Begeisterungsstürmen anregen. Macht auch nichts, solange das Verhältnis stimmt und wir unterm Strich gern bei der Sache sind.

Allen andern würde ich dringend zu einem Job-Coaching raten, um ihre Prioritäten und Ziele zu klären. Denn sinnentleertes Arbeiten kann nachweislich zu Burnout oder Erschöpfung führen, insbesondere wenn man sehr fleißig und ambitioniert veranlagt ist.

Ist die Abwesenheit von Fleiß gleich Faulheit?

Wohl kaum! Doch warum mutet mir dann die Aufforderung, nicht fleißig zu sein, so unverschämt frech oder gar unerhört rebellisch an?

Ist das ein speziell Nuthmann΄sches Erbe, Arbeitseifer und Ehrgeiz als ganz normal, sprich in der Norm zu betrachten? Wenn ich auf mich wirken lasse, was dieser Satz in mir auslöste, dann habe ich darin zunächst wirklich eine Aufforderung zum unmäßigen Müßiggang gesehen:

  • Streich den Fleiß aus Deinem Leben!
  • Mache es Dir einfach, lasse andere arbeiten!
  • Kommt Zeit – kommt Rat! Verweile statt eile…

All dies schoss mir spontan durch den Kopf, als ich den Rat zunächst empört verwerfen wollte. Mich auf Kosten anderer ausruhen? Nein, wie könnte ich! Doch war das wirklich im Sinne des Ratgebers? Seinen Satz »Sei nicht so fleißig« habe ich daraufhin noch einmal tiefer sacken lassen – und eine überraschende Entdeckung gemacht.

Muss ich fleißig sein? Oder darf ich selbstbestimmt wählen?

Meine Entdeckung führt mich hin zu einem »Ich wähle« oder »Ich will« die Dinge auf meine Art tun! Das umfasst ein freiwilliges Engagement und erlaubt mir, Vorgaben zu hinterfragen, Prioritäten zu prüfen und Abläufe auch einmal ganz anders zu erledigen. Also: eigenverantwortlich, freiwillig und als Ergebnis einer Wahl zu agieren.

Wenn also der Fleiß den Zwang beinhaltet, dann bietet sein Gegenteil eine Wahlfreiheit. Das klingt schon viel spannender als Faulheit und ist für eine intrinsisch motivierte Freiberuflerin wie mich widerum ziemlich attraktiv!

Damit ist mein Arbeitsalltag zwar nicht automatisch frei von Routine-Tätigkeiten. Doch ich erhalte auch hierbei die Wahl, sie mit einer anderen Haltung auszuführen oder alternativ zu überlegen, ob ich sie auslagern, abwandeln oder vereinfachen kann.

Oftmals gibt es neue Wege, die ich bisher nur noch nicht gesehen habe. Indem ich meine Aufgaben mehr als zuvor an meiner Begeisterung und Motivation ausrichte, erhält auch der Spaß an der Arbeit wieder neuen Auftrieb und darf seinen berechtigten Raum einnehmen.

 WegImpulse to Go: Fleißzonen aufdecken & aushebeln


Aus den bisherigen Überlegungen habe ich einige Selbstcoaching-Fragen abgeleitet, die Sie verwenden können, um die Fleißzonen in Ihrem Leben aufzuspüren und durch echtes Engagement zu ersetzen – wenn Sie das wollen!

Fleißig wie die Arbeitsbiene…

  • Wobei harre ich aus, obwohl ich mein Ergebnis längst erreicht habe?
  • Welche ungeliebte Tätigkeit arbeite ich stoisch ab?
  • Wo beuge ich mich unreflektiert äußeren Vorgaben?
  • Welchen Vorteil ziehe ich aus meinem Fleiß?
  • Welche Erwartungen erfülle ich gern? Welche ungern?

Statt Fleißarbeit – Ambitioniert agieren

  • Was motiviert mein Tun?
  • Wie messe ich Produktivität?
  • Woran erkenne ich ein gutes Ergebnis?
  • Welche meiner Tätigkeiten mutet gar nicht wie Arbeit an?
  • Wer setzt die Maßstäbe für meine Arbeit?

 Visionär handeln, Tag für Tag!

  • Was begeistert mich Tag für Tag aufs Neue?
  • Worin werde ich nicht müde, es wieder und wieder zu tun?
  • Wie viel Freude lasse ich zu?
  • Was darf ich mir noch mehr als zuvor erlauben?
  • Mit welcher (kleinen) Veränderung fange ich an?

Gewidmet: Dr. Andreas Stähli von der Akademie am Johannes-Hospiz Münster

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Silke Nuthmann

Ich bin als systemischer Coach und Texterin unterwegs in Sachen Potenzialentwicklung. Mein Business in Kurzfassung: Impulse bieten, wie du stressfrei und gelöst deine Ziele verwirklichst. Dabei schlägt mein Herz für Introvertierte, damit deine Ideen immer genug Gehör bzw. Kunden finden.
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Über Silke Nuthmann

Ich bin als systemischer Coach und Texterin unterwegs in Sachen Potenzialentwicklung. Mein Business in Kurzfassung: Impulse bieten, wie du stressfrei und gelöst deine Ziele verwirklichst. Dabei schlägt mein Herz für Introvertierte, damit deine Ideen immer genug Gehör bzw. Kunden finden.
Veröffentlicht am | 6 Kommentare

6 Antworten auf Sei nicht so fleißig!

  1. Andreas Stähli

    Hallo Silke,

    das ist nun wirkliche Introspektion, wie sie die Philosophie auf der Suche nach der rechten Lebensform zur Einübung empfiehlt. Deine Überlegungen zu diesem kleinen, aber doch wirkmächtigen Appell finde ich bemerkenswert, zumal Du dann auf den Dreh- und Angelpunkt, nämlich den der Freiheit kommst. Und dabei bleibst Du in Deinem Fokus rechter Arbeitsökonomie, die nicht bloß Pflicht, sondern mit dem Eigenen verbunden sein muss. Toll!

    Da warst Du doch sehr fleißig … aber eben aus der rechten Tiefenmotivik.

    Vielen Dank und liebe Grüße von
    Andreas

    • Silke Nuthmann

      Hallo Andreas,

      vielen lieben Dank für Deine Inspiration. Du überraschst mich immer wieder – gern mehr davon! Und ich fühle mich geehrt, dass ich heute auch persönlich Deinen Kommentar und Deine Freude zu meinem Text erleben konnte.

      Beste Grüße, Silke

  2. Gitte Härter

    Hallo Silke,

    es ist wieder mal lustig, wie unterschiedlich Wörter so wirken. Für mich ist Fleiß total positiv besetzt. Ich bin sehr fleißig, und ich freue mich immer über fleißige WorkshopteilnehmerInnen. Ich sage sogar oft „Ich bin ein Fleißvampir: Wenn meine Teilnehmer fleißig sind, pusht mich das total, weil ich mitgerissen werde und ganz hyper bin, wenn sie so aktiv mitmachen.“ Du warst im Workshop zum Beispiel sehr fleißig. 🙂

    Herzliche Grüße
    Gitte

    • Silke Nuthmann

      Hallo Gitte,

      ja, da scheinen wir wirklich einen anderen Sinn vom Wort „Fleiß“ zu haben. Sehr spannend! Ich habe ein bisschen darüber nachgesinnt, aber Fleiß bleibt für mich mit „Durchstehen“ verknüpft, während ich erahne, was Du bei meinen Engagement im Workshop als fleißig erlebt hast.
      Diese Art Einsatz erlebe ich eher als ein „mitgerissen werden“, sprich, ganz in meinen FLOW kommen! Und dann schöpfe ich aus einer Quelle, die größer ist als ich. Das erlebe ich beim Texten, Layouten oder bei Coaching-Gesprächen, wenn sich eins aus dem andern ergibt und ins Fließen kommt, ganz ohne Mühe. Ich spreche bei Text & Layout auch häufig von „Basteln“ oder „Rumspielen“, was deutlich macht, wie spielerisch ich es erlebe. Dass Arbeit so sein kann, das hatte man mir nicht beigebracht!
      Vielleicht darf ich deshalb noch besser lernen, dass auch diese Leichtigkeit etwas ganz Wertvolles produziert, was sein Honorar WERT ist. Das „predigst“ Du ja netterweise in regelmäigen Abständen auf unternehmenskick.de, so dass ich im Blick behalte, dass Fleiß und Flow ganz wundervolle positive Qualitäten sind!

      …in diesem Sinne: fleißig in den Jahres-Endspurt!

      Liebe Grüße
      Silke

  3. Gabriele Hönschel

    Also für mich in dieser Sache eine Unterscheidung vorzunehmen, ist ganz einfach.

    Es stellt sich nur die Frage:
    Arbeitest du selbst- oder fremdbestimmt ?

    Bei Ersterem sind wir eher bereit, mehr zu leisten, hartnäckig und fleissig unsere Ziele zu verfolgen und alles dafür Notwendige zu tun. Nach getaner Arbeit ist man dann müde, aber innerlich befriedigt.

    Bei Zweiterem kann es schon nach kurzer Zeit zur Ermüdung kommen und das ganze Tun wird zur „Fleissarbeit“ zum reinen Abarbeiten von (fremd)gestellten Aufgaben.

    Fleissig kann man in beiden Motivationsfeldern sein.
    Nur das eine gibt einem Lebensqualität, das andere nimmt einem Lebensqualität.

    LG Gabi

    • Silke Nuthmann

      Hallo Frau Hönschel,

      ja, der Fleiß scheint zu Kommentaren geradezu herauszufordern. Noch ist mir der Flow lieber als der Fleiß! Aber netterweise hat dieser Artikel dazu geführt, mich mit dem Wort Fleiß auszusöhnen – und es als echtes Kompliment zu werten, wenn man mir sagt, ich sei fleißig gewesen. Ich benutze es sogar selbst viel lieber seither! Wofür ein Blog alles gut sein kann.

      Stimmen wir doch einfach auf ein Hoch zur Lebensqualität, egal woraus sie sich speist!

      Viele Grüße, Silke

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